Dr. Werner Lutz

"Eine Einführung in die Ausstellung: Christoph Bechteler im Garten"

zur Venissage im Architekturmuseum Schwaben am 11. Mai 2002

 

Seit vier Jahren veranstalten die ECKE-Galerie in Zusammenarbeit mit der Arno-Buchegger-Stiftung, dem Architekturmuseum Schwaben und der Künstlervereinigung Augsburg "Die Ecke" diese Sommerausstellungen im ehemaligen Bucheggerschen Garten.

Vor einigen Jahren hatte der Vorsitzende der Arno-Buchegger-Stiftung, Rechtsanwalt Ernst Berschet die Idee, den Garten des Buchegger-Hauses in einen Skulpturenpark zu verwandeln. Er bereiste daraufhin mehrere Monate die Ateliers von regionalen Bildhauern. Willi Weiner war 1998 der erste Künstler, der hier ausstellen durfte. Jedes Jahr tagt im Sommer der Stiftungsrat im Bucheggerschen Garten und die anwesenden Honoratioren wählen eines der Exponate für den Ankauf aus. So können wir uns alle glücklich schätzen, dass die Skulpturensammlung allmählich wächst. Gerade die äußerst reizvolle Verbindung von Natur und Skulptur wird vom Publikum begeistert angenommen. Die Besucherzahlen im Sommer sprechen eine deutliche Sprache.

Es ist das Verdienst einer privaten Stiftungsinitiative, dass dieser in Augsburg und Umgebung einzigartige Skulpturenpark existiert. Ideen für die Präsentation von Bildhauerkunst im öffentlichen Raum gab es in den letzten Jahrzehnten sicherlich, geschehen ist aber nichts.

Wie ein Rundblick zeigt, ist das Spektrum der hier vertretenen Auffassungen von Skulptur höchst unterschiedlicher Natur. Die Monumentalisierung geometrischer Formen offenbart sich in der Figurengruppe von Willi Weiner. In nicht minder großem Maßstab präsentiert sich die menschliche Figur bei Terence Carr. Die Überlängung und die Haltung des Paares bringen überdeutlich die Fragilität zwischenmenschlicher Beziehungen zum Ausdruck. Im dritten Jahr stellte die Bildhauerin Ingeborg Prein ihre zumeist idolhaft vereinzelten menschlichen Torsi aus. Ein Beispiel sehen Sie im Hintergrund auf dem Sockel.

Nun zur heutigen Ausstellung:
Christoph Bechteler wurde 1935 in Berlin als Sohn des Bildhauers Theo Bechteler geboren. Nach seiner Schulzeit absolvierte er eine Lehre als Motoren- und Stahlbauer. Diesen Beruf übte er bis 1959 aus. Im selben Jahr erfolgte die Aufnahme in die Akademie der Bildenden Künste in München. Die Fortsetzung seiner künstlerischen Ausbildung fand dann an der Staatlichen Hochschule für bildende Künste in Hamburg statt. Seit 1966 arbeitet Christoph Bechteler als freischaffender Metallbildhauer in Augsburg. Bereits 1964 beteiligte er sich an der Ausstellung Deutsche Bildhauer der Gegenwart und 1966 wurde er mit dem Förderpreis der Stadt Augsburg ausgezeichnet.

Der Name Bechteler ist in Augsburg und Schwaben nicht nur für Kunstfreunde ein Begriff, denn zahlreiche Werke der Künstlerfamilie schmücken Kirchen, öffentliche Bauten und den öffentlichen Raum. Der Vater Theo Bechteler arbeitete viele Jahrzehnte als Bildhauer in Augsburg und in Schwaben. Beispielhaft für die Kategorie "Kunst am Bau" der Nachkriegszeit ist das Hochrelief in zartgrünem Tuffstein mit der Darstellung des "Wirkens der Frau im Hause" an der Hauptfassade der 1961 vollendeten hauswirtschaftlichen Berufsschule am Predigerberg.
Vor allem aber wird die maßgebliche Beteiligung Theo Bechtelers an der 1963 vollzogenen Wiederbegründung des Kunstvereins Augsburg als Beitrag zum kulturellen Leben dieser Stadt im Gedächtnis bleiben.

Die 1933 in Berlin geborene ältere Schwester von Christoph, Else Bechteler, hat sich mit ihren teilweise großformatigen Bildwebereien einen Namen gemacht. Die Arbeiten der ausgebildeten Textilhandwerkerin und Malerin finden sich in vielen öffentlichen und sakralen Gebäuden.

Im November 1969 wurde die Künstlerfamilie Bechteler mit dem ersten Kunstpreis der Diözese Augsburg ausgezeichnet. Vater Theo, Tochter Else und Sohn Christoph Bechteler hatten damals im Rahmen der 21. Großen Schwäbischen Kunstausstellung in einem der Fürstenzimmer des Augsburger Rathauses in einer Familien-Sonderschau ihr Schaffen vorgestellt. In seiner Laudatio zur Preisverleihung betonte Generalvikar Achter, dass das Schaffen des Bildhauers Theo Bechteler das Bemühen "um das Gleichgewicht in schwankender Zeit" ausdrücke. Else Bechteler "öffne dagegen mit ihren transparenten Geweben den Blick aus der Problematik der Zeit ins Freie". Christoph Bechteler "setze sich schöpferisch mit der Bewältigung der Technik auseinander". Wie wir sehen: eine Künstlerfamilie und drei verschiedene und eigenständige Künstlerpersönlichkeiten.

Christoph Bechteler charakterisierte 1999 seine künstlerische Auffassung folgendermaßen:
"Die von mir angefertigten Arbeiten unterliegen einer sehr strengen, konstruktiven Formensprache, unter Einbeziehung vorhandener Architektur und Landschaft, ohne jedoch die menschlichen Proportionen außer Acht zu lassen. Auch die Wahl der Materialien, wie Stein in Verbindung mit Stahl oder Bronze spielt dabei eine große Rolle. Bei der Schaffung eines angewandten Kunstwerkes, ist es notwendig, dass Vorgespräche geführt werden, um einen Konsens für das Zusammenspiel von Kunstwerk, Architektur und Menschen zu finden."
Die in dieser Gartenausstellung vereinigten Arbeiten verdeutlichen diese Prinzipien in vielfältigster Weise. Die Materialwahl und Formbildung hängen bei Christoph Bechteler eng zusammen und ergänzen sich gegenseitig.

Folgen Sie mir jetzt bitte mit meinem Rundgang durch diese Ausstellung:
Die Skulpturengruppe links im Vordergrund ist aus dem Arrangement von Restmaterialen entstanden. Der Edelrost bestimmt das Erscheinungsbild. Sie sehen links "Die Vögel" und dahinter den "Greifer, der sich alles von oben holt". Die biomorphe Erscheinung dieser Skulptur ist so evident, dass sogar ein Kohlmeisenpaaar diesen seltsamen Baum inspizierte.

Rechts sehen Sie den "Schalenbrunnen", dessen gestalterische Grundidee die Schaffung eines transportablen Brunnens war. Die Frontansicht ist auf eine variable Aufstellung abgestimmt. Auch in diesem Fall lagen die Prinzipien einer vegetativen Gestaltung zugrunde. Dafür spricht die Blütenform der sieben Schalen, über die sich das Wasser nach unten ergießt. Die Gesamtform des Brunnens ist als Baumfragment zu deuten, aus dessen oberen Blütenkugeln die Wasserstrahlen austreten. Die Größe des Brunnens ist auf die menschliche Proportion abgestimmt. Deswegen kann man den Lauf des Wassers verfolgen und genießen.

Im Hause Grandel in der Altstadt hat Christoph Bechteler seinen ersten Schalenbrunnen aufgestellt. Dieser ist in seiner Kompaktheit auf den kleinen vorhandenen Raum abgestimmt.

In der Konstruktion von Brunnen hat Christoph Bechteler reiche Erfahrungen sammeln können. Zusammen mit seinem Vater Theo Bechteler hat er 1989/1990 den vom Victoria Verein gestifteten Brunnen auf dem Vorplatz des Augsburger Hauptbahnhofes entworfen und gebaut. Die Brunnenreliefs dieser größten neuzeitlichen Brunnenanlage in Augsburg sind die letzte Arbeit von Theo Bechteler.

Dann folgt die "Spiralsäule", die aus einzelnen verschweißten Metallstreifen zusammengesetzt ist. Hier zeigt sich die Beherrschung des Umganges mit Metall. Die Schweißnähte sind als Gestaltungselement eingesetzt und strukturieren die Oberfläche in der Art von Kanneluren antiker Säulenschäfte. Die Gesamtstruktur dieser Skulptur ist nur scheinbar eine Säule. Beim Umrunden offenbart sich der spiralförmige Aufbau der aneinandergereihten Metallstreifen. Die Dreidimensionalität von Skulptur wird so eindrucksvoll unter Beweis gestellt.

Eine etwa 6,5 m hohe Spiralsäule von Christoph Bechteler steht im Hof der Gewerblichen Berufsschule im Hochfeld, die vom Architekten Wilhelm Wichtendahl 1968-71 erbaut wurde.

Dann folgt der "Spiel-Würfel" als interaktive Skulptur, die zur Neukombination der einzelnen Würfel anregen soll. Jeder ist aufgefordert, durch Versetzen eine neue ganzheitliche Figur zu schaffen.
Im Hintergrund rechts auf dem Säulenpodest folgt der 1966 entstandenen "Technokrat". Die aus Bleiplatten gefertigte Skulptur soll den eingesperrten technischen Menschen versinnbildlichen. Diese nach wie vor aktuell erscheinende Vision zeigt das hilflose Individuum, das von einer konstruktivistischen Welt beherrscht wird.

Im Hintergrund sehen Sie den "Turm", dessen Tombakblech (=Schmiedebronze) eine Masse von insgesamt 600 Kg aufweist. Die aus drei Grundformen als Stützen und einem verschraubbaren Kopf kombinierte Großplastik besticht durch ihre konkrete und klare Formengebung. Hier offenbart sich Christoph Bechteler als ein Bildhauer, der die konstruktive Großform liebt. Die bestimmende Größe schafft ein bewußtes Spannungsverhältnis zur umgebenden Natur. Ebenso ist es nach der künstlerischen Auffassung von Christoph Bechteler denkbar, dass eine derart groß dimensionierte Skulptur auch in einen konkreten Gegensatz zur umgebenden Architektur tritt.

Ganz andere Dimensionen weisen die kleinen "Computer-Skulpturen" im Eingangsbereich auf, die 1998 entstanden sind. Ausgangspunkt waren ausrangierte PC-Festplatten, deren polierte Scheiben, Trägerplatten und Magnetarme zu einer neuen Gesamtform konfiguriert wurden. Dieses Zerlegen von technischen Apparaturen und das Spielen mit Formen verleiht diesen Installationen einen eigenen Reiz.
Die Technik und ihre Form stehen nicht nur bei diesem Beispiel im Blickpunkt des Interesses des Künstlers Christoph Bechteler. Dies und die technischen Grundlagen der Metallbearbeitung sind die Grundlage des bildnerischen Schaffens von Christoph Bechteler als Metallbildhauer.